„Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ (Joh. 14,1)

Mit Konfirmandinnen und Konfirmanden der Jahreslosung 2010 auf der Spur

Liebe Gemeindeglieder,
 
Wo und wie ist Ihnen die Jahreslosung aus Johannes 14,1 schon begegnet?
 
Vielleicht zum ersten Mal in der Predigt von Pfr. Dr. Weiss im Gottesdienst am Neujahrsabend? Oder im Rahmen der heftigen Diskussionen um die Aussagen der Neujahrspredigt von EKD Ratsvorsitzender und Bischöfin Margot Käßmann? Oder fällt sie Ihnen buchstäblich in die Hände - nämlich immer wieder in dem Buch, in dem das Lesezeichen steckt, das im Neujahrsgottesdienst in der Johanneskirche verteilt wurde?
 
Wir begegnen dem Wort Gottes auf ganz unterschiedliche Weise, oder umgekehrt begegnet uns das Wort Gottes in ganz unterschiedlichen Situationen, spricht mitten hinein in unser Leben, trifft uns mitten ins Herz. Oder aber es erreicht uns zuweilen auch gar nicht, perlt an uns ab wie Regen auf einer frisch imprägnierten Jacke, und ein andermal berührt es uns dafür umso intensiver – der Geist Gottes weht wo und wann er will...
 
Als ich unlängst beim ersten Konfirmandenunterricht nach den Weihnachtsferien zwei rote Zettel in die Mitte unseres Anfangsstuhlkreises legte, war ich auf die ersten spontanen Reaktionen der Jugendlichen gespannt: Auf dem einen Zettel stand: Euer Herz erschrecke nicht! Und auf der gegenüberliegenden Seite lag der zweite Zettel mit den Worten: Glaubt an Gott und glaubt an mich!
 
Es war ungewöhnlich ruhig in der Runde, keine spontan eingeworfenen Gedanken, keine Rückfragen, es war einfach still - vielleicht war ja jeder mit seinen ersten eigenen Gedanken beschäftigt.
 
Dann löste ich das Schweigen mit einem Arbeitsauftrag: Die Konfirmanden und Konfir-mandinnen sollten versuchen, ihre ersten, spontanen Reaktionen und Gedanken, Fragen, oder dergleichen auf einen Zettel zu schreiben - bislang standen die Worte ja einfach so im Raum, ohne dass klar war, woher sie stammen, geschweige denn, dass es sich um die „Jahreslosung“ handelt.
 
Und so trugen wir nach einer kurzen Schreibphase die ersten Gedanken zusammen:
 Freunde und Familie – der Glaube zur Religion, Jesus, Gott – die Bibel(vielleicht eine Textstelle davon) – Vertrauen auf Gott – Kirche, Sicherheit, Glaube, Hoffnung – Glaube und Vertrauen – Wenn man vor einer Entscheidung steht, hört man das oft – Wärme, Schutz, Zuversicht – Es erinnert mich an einen Psalm, da ein Psalm oder ein Gebet auch solche Worte enthält – Herzschmerz – Leib und Körper – Freiheit – Wer ist „mich“ auf dem zweiten Zettel? –
 
Mit dem letzten Gedanken fingen wir an, gemeinsam weiter zu denken und fanden heraus, dass es sich um ein Wort von Jesus handelt, dass mit „mich“ also Jesus gemeint ist. Nach einem kleinen Exkurs über die Geschichte der Jahreslosung gingen wir in unseren Gedanken wieder einen Schritt weiter und ich versuchte, den Jugendlichen nahe zu bringen, in welcher Situation Jesus diese Worte gesagt hat. Deshalb las ich zuerst aus Johannes 13 die Verse 33-38 (vielleicht haben Sie ja auch gerade die Zeit dazu...).
 
Daran schloss sich ein weiterer Gedankenaustausch an:
Es ist die Zeit, als Jesus zum letzten Mal mit seinen Jüngern zusammen war, beim Abendmahl – Jesus redet davon, dass Petrus ihn verleugnet – Jesus wird gefangengenommen und gekreuzigt - Jesus sagt, dass er weggeht – Es ist eine Abschiedssituation -
 
Nach dieser Verortung der Worte Jesu im biblischen Kontext fragte ich die Jugendlichen, wie es ihnen persönlich mit den Worten Jesu gehen würde, wenn sie selbst in einer solchen Abschiedsituation wären, wie die Jünger es waren. Zu meiner Überraschung überwogen Gedanken wie Trauer – Enttäuschung – Gefühl, versagt zu haben – Angst – Furcht – Schock – Verzweiflung - wenig Trost – kein Trost – bei weitem...
 
Wie nahe sie wohl dran waren, unsere Jugendlichen, an der Verzweiflung der Jünger – das wurde mir in dem Moment, in dem die ganze Schwere und Gebrochenheit menschlicher Existenz greifbar im Raum stand, überdeutlich bewusst.
 
Doch ich ließ es so stehen, wollte nicht die berechtigten Fragen und Zweifel mit einer zu vorschnellen weiteren Gedankenbewegung wegwischen. Stattdessen las ich schließlich aus Johannes 14 noch die Verse 2-7, die sich direkt an unsere Worte der Jahreslosung anschließen.
 
Nachdem ich die letzten Worte des oben genannten Abschnittes gelesen hatte, nahm ich wahr, dass die Spannung, die im Raum gestanden hatte, nun etwas gewichen war. Deshalb fragte ich noch einmal genauer nach, ob sich denn nach dem Hören dieser Worte Jesu noch einmal etwas verändert habe, etwa dahingehend, dass Jesu Worte „Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich“ jetzt anders klingen, anders ankommen, vielleicht sogar eine neue Dimension bekommen, eine neue Perspektive aufzeigen oder einen neuen Gedanken mit einbringen.
 
Die Gedanken dazu wurden von den Konfirmanden noch einmal auf einen weiteren Zettel geschrieben oder einfach so eingebracht:
 
Was Jesus da sagt: „Ich will wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin“, das gibt mir Trost und Hoffnung -  Ja, ich denke, in gewissen Lebenssituationen können auch schon Worte Trost spenden oder neues Vertrauen wecken – Wenn man Vertrauen in Gott hat, und an Gott glaubt, dann kann es einem ein Stück helfen , über etwas Schlimmes hinweg zu kommen – Vertrauen auf Gott und Jesus gibt einem Stärke (stark bleiben) dass man sich wieder begegnet im Himmel! – Nein, ich glaube nicht, dass sich etwas geändert hat, die Verzweiflung bleibt –Verzweiflung bei den Jüngern! –
Am Schluss blieb also - wie es die Gedanken unserer Konfirmanden und Konfirmandinnen zeigen - eine gewisse Spannung stehen.
 
Und auch hier spiegeln die Aussagen und Gedanken der jungen Menschen das wider, was unser Leben, unsere menschliche Existenz, und vor allem auch unseren Glauben ausmacht: Martin Luther hat es einmal ungefähr so gesagt: Unser Glaube, unser Christenmensch-Sein steht zuweilen unter dem Vorzeichen des „Dennoch“. In diesem „dennoch“ ist die Spannung von Hoffnung und Verzweiflung, Glaube und Zuversicht, Angst und Trost aufgehoben.
 
„Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner rechten Hand...“ – zu diesem großartigen Bekenntnis betet und kämpft sich in beispielhafter Weise der Beter von Psalm 73 nach langem Ringen durch.
 
Und so dürfen wir darauf vertrauen, dass wir mit unserem ganzen Leben bei dem aufgehoben sind, dem nichts von alledem verborgen ist, weil er es selbst erlebt und durchlitten hat: Unser gekreuzigter und auferstandenen Herr Jesus Christus.
 
Deshalb – und nur deshalb dürfen und können wir seinem Wort in allem, trotz allem und dennoch vertrauen und uns von seinem Wort immer wieder neu Hoffnung, Trost, Zuversicht, Vergebung und Frieden schenken lassen, heute morgen und allezeit.
 
Ganz herzlich möchte ich „meinen“ Konfirmanden danken, dass wir uns durch ihre Gedanken noch einmal ein Stück Weg in den Spuren der Jahreslosung gehen konnten.
 
Ihre & Eure Pfarrerin Susanne Gaißer


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