Der heutige Sonntag trägt den Namen „Estomihi“, was bedeutet: „Sei mir ein starker Fels“. Hintergrund für diesen Namen ist der Wochenpsalm - Psalm 31, Vers 3: „Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest“.

Ein Fels, eine Burg – das sind starke Bilder für Gott, Bilder in denen die Sehnsucht des Beters nach Halt, Schutz, Beständigkeit, Unverrückbarkeit ihren Ausdruck sucht.

Einen „Fels in der Brandung“, eine „feste Burg“ - wie sehr brauchen wir das in diesen Zeiten, in denen heute nicht sicher und unumstößlich festgelegt werden kann, was morgen gelten soll, und wir es immer und immer wieder erleben mussten und weiterhin müssen, wie unsere Planungen von jetzt auf gleich wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Ein Fels, eine Burg, also Festigkeit und Schutz, Halt und Bestand - der Wunsch danach gibt dem heutigen Sonntag seinen Namen „Estomihi“ – sei mir ein starker Fels.

Mit dem heutigen Sonntag ist aber auch ein Richtungswechsel verbunden: Wir wenden uns von Weihnachten herkommend nun dem nächsten großen Fest zu – Ostern. Unser Blick löst sich von Krippe und Stall und richtet sich in den nächsten Wochen mehr und mehr auf das Kreuz. Der Wochenspruch aus Lukas 18,31 eröffnet diese Perspektive: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Wenn am Aschermittwoch dann die Fastenzeit beginnt, stellt sich in diesem Jahr vielleicht die Frage danach, wie wir diese Zeit als Fastenzeit gestalten können und sollen, wo wir uns doch schon seit  dem ersten lockdown der Corona-Pandemie vor nun fast einem Jahr in einer Art weltweiten Fastenzeit befinden - einer Zeit, die ganz im Zeichen des Verzichts steht:

Auf der ganzen Welt wurde gefastet und auf vieles verzichtet, unter teilweise extremen Entbehrungen und mit äußerst schmerzhaften Einschnitten in allen Lebensbereichen. Wir haben weniger konsumiert und sind nicht mehr gereist, dafür mehr Fahrrad gefahren. Wir haben erlebt, dass es anders geht, aber es hat auch große Opfer gekostet. Viele unter uns haben ihre Arbeit und ihre Existenzgrundlage verloren. Alle haben gelitten unter den Einschränkungen unserer zwischenmenschlichen Beziehungen.

Doch das lange und viele Verzichten während dieser weltweiten „Corona-Fastenzeit“ hat auch manches neu ins Bewusstsein gerückt – vor allem etwas, das wir wohl wussten, aber nur schwer ermessen konnten: Die vielfältige Weise, in der alles auf dieser Welt miteinander verbunden ist und voneinander abhängt - und wir Menschen noch einmal mehr: Es gehört ganz grundlegend zu unserem Menschsein, dass wir aufeinander bezogen und aufeinander angewiesen sind. Wir brauchen das Miteinander und die Gemeinschaft von Schule, Familie, Arbeitsplatz, Gemeinwesen, Gesellschaft und Welt wie die Luft zum Atmen.

Auch das Wohl der Menschen ist miteinander verbunden und verwoben, so auch bei unseren Entscheidungen.

Der Physiker Paul Giordano sagt es in seinem Buch „In Zeiten der Ansteckung“ (ein außergewöhnliches Buch in außergewöhnlichen Zeiten!) so: „Die beste Entscheidung ist nicht die auf der Grundlage meines ausschließlichen Nutzens getroffene. Die beste Entscheidung ist diejenige, die meinen Nutzen berücksichtigt und gleichzeitig den aller anderen.“ Ein sehr nachdenkenswerter Gedanke, gerade auch im Blick auf Entscheidungen des Verzichts.

In diese Richtung können wir auch die Worte des heutigen Predigtabschnitts aus dem Prophetenbuch Jesaja (Jesaja 58, 1-9) verstehen, in denen es auch ums Fasten geht. Im Auftrag Gottes legt der Prophet den Israeliten das „richtige Fasten“ ans Herz, für das zwei Dinge maßgeblich sind:

„Recht“ und „Gerechtigkeit“. Nur wenn Recht und Gerechtigkeit verwirklicht werden, ist das Fasten richtig. Und andersherum ist das Fasten dann falsch, wenn Recht und Gerechtigkeit nicht im Blick sind, sondern außer Acht gelassen oder gar mit Füßen getreten werden.

Genau das prangert Jesaja auch an, wenn er sagt: „Ihr bedrückt eure Arbeiter!“ und „Ihr geht euren Geschäften nach und wollt so viel Gewinn wie möglich rausschlagen!“ Deshalb fordert er: „Lasst los, die ihr mit Unrecht gebunden habt!“, „Gebt frei, die ihr bedrückt“, „Reißt jedes Joch weg!“

Doch der Prophet klagt nicht nur an, er zeigt auch neue Wege auf, wenn er sagt: „Brich dem Hungrigen dein Brot!“, „Gib Armen und Obdachlosen eine Zuflucht!“, „Gib denen, die nichts haben, das Lebensnotwendige: Kleidung, Unterkunft, aber auch Zuwendung und Achtung!“

Im Grunde geht es beim richtigen Fasten letztlich nicht so sehr um den Akt des Verzichts, als vielmehr um die grundlegende Haltung, die dahinter steht: Eine Haltung des gut und genug sein Lassens, eine Haltung der Wertschätzung für das, was uns täglich an Gutem und Genüge umgibt, und eine Haltung der Achtsamkeit für die Welt und die Menschen um uns herum –auch für das, was uns selbst möglich ist, um unserem Mitmenschen wie auch der gesamten Schöpfung Recht und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Das kann bedeuten, im Blick auf das Gemeinwohl auch einmal von sich selbst abzusehen, auf das „eigene gute Recht“ zu verzichten, wenn ein anderer dadurch besser zu seinem Recht kommt.

Zu einem solchen Bewusstseinswandel lädt seit ein paar Jahren auch die Aktion „Klimafasten“ ein, unter dem biblischen Motto aus 2.Mose 16 „So viel du brauchst“:

Dabei geht es darum, sich Zeit zu nehmen für das eigene Handeln, gerade auch hinsichtlich des Konsumverhaltens und des Ressourcenverbrauchs im Alltag. Dies alles bewusster wahrzunehmen und selbstkritisch zu überdenken, mit dem Blick darauf, wo etwas verändert oder auch Neues ausprobiert werden kann. Und dabei zu erfahren: All das schränkt und engt nicht ein, sondern weitet den Horizont, lässt uns achtsamer werden, für uns selbst und damit zugleich für andere, für die Welt.

Dass wir in diesen Wochen der Fastenzeit zugleich den Passions-Weg Jesu gehen, ist alles andere als zufällig: Wir schauen ganz bewusst auf ihn, wie er gelebt und gehandelt, mit welchem Blick er die Menschen und die Welt wahrgenommen hat – und wie er dafür auch die letzte Konsequenz nicht gescheut hat.

Vielleicht kann gerade der Blick auf Jesus und seinen Lebens- und Leidensweg neue Impulse für die diesjährige Fastenzeit geben: Zum Beispiel im Rückblick auf das einjährige Corona-Fastenjahr die vielen Verluste und Einschränkungen trennen zu lernen von den positiven Erfahrungen und Chancen dieser Krise für eine Rückbesinnung und Umkehr, für neue Weichenstellungen und Wege: Geht es nicht auch mit weniger Konsum, weniger Ressourcenverbrauch, weniger Abfall, weniger oder anderer Mobilität? Brauchen wir nicht stattdessen mehr Fähigkeit zur Begrenzung, Entschleunigung, Solidarität und Achtsamkeit - und in alledem eine andere Art des Lebens und Wirtschaftens?

Wenn ich an die heutigen Predigtworte aus dem Prophetenbuch Jesaja denke, würde all das zum „richtigen Fasten“ gehören und damit zu einer Verzichtshaltung auf der Basis einer „Ethik des Genug“ mit dem Ziel, zerstörerische Ansprüche loszulassen und solidarisch und achtsam mit unseren Nächsten und der Mitschöpfung umzugehen.

Dass mit einer solchen Haltung das Leben alles andere als eingeschränkt oder minderwertig ist, sondern gerade so erst zur Entfaltung und Blüte kommt, stellt der Prophet am Ende in einer wunderbaren Verheißung in Aussicht:

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.

Pfarrerin Susanne Veith

Wir geh'n hinauf nach Jerusalem