Liebe Gemeinde am Altjahresabend,

wir schreiben den 31. Dezember. Das letzte Blatt am Kalender von 2020 hängt noch oder ist bereits abgerissen. Der Blick bleibt hängen an der großen Lücke, die die abgerissenen Kalenderblätter hinterlassen, denn diese Lücke weist zugleich auf eine Fülle an Zeit - gelebter Zeit, erlebter Zeit.

Welches Empfinden gibt es für die Zeit des Jahres 2020, wie fühlt sich diese Zeit – überwiegend „Corona-Zeit“ an? Gähnend lang…, kurzatmig und holprig…, sich immer wieder selbst ein- und überholend von den aktuellen Tagesereignissen, Fakten, Zahlen und Daten des Pandemiegeschehens ? Oder fühlt sich die Zeit des Jahres 2020 „ausgefallen“ an - im doppelten Sinne: Eine ausgefallene Zeit, in der vieles Gewohnte und Vertraute ausfallen, und stattdessen so mancher ausgefallene, ungewöhnliche, neuartige Weg beschritten werden musste…?

Welches Empfinden gibt es für die Zeit des Jahres 2020, wie fühlt sich diese Zeit – überwiegend „Corona-Zeit“ an? Gähnend lang…, kurzatmig und holprig…, sich immer wieder selbst ein- und überholend von den aktuellen Tagesereignissen, Fakten, Zahlen und Daten des Pandemiegeschehens ? Oder fühlt sich die Zeit des Jahres 2020 „ausgefallen“ an - im doppelten Sinne: Eine ausgefallene Zeit, in der vieles Gewohnte und Vertraute ausfallen, und stattdessen so mancher ausgefallene, ungewöhnliche, neuartige Weg beschritten werden musste…?

Es wird für jeden und jede von uns ein eigenes Empfinden und Gefühl für die Zeit des Jahres 2020 geben, je nachdem, welche Erfahrungen und Erlebnisse sich in unserer persönlichen Erinnerung am stärksten eingraviert haben.

Der Tagesspruch für den letzten Tag im Jahr aus Psalm 31 (Vers 16a) mag hier einen Resonanzraum eröffnen, in dem unsere persönlichen Erfahrungen und Empfindungen mit der Zeit des Jahres 2020 noch einmal ins Schwingen und Nachklingen kommen können - besonders auch im Blick auf das ganz eigene Zeitverständnis, das dem Psalm und mit ihm dem Alten Testament insgesamt zugrunde liegt:

Denn was wir „Zeit“ nennen und als etwas Absolutes verstehen, gibt es in der Vorstellung und im Denken des Alten Testamentes so überhaupt nicht. Das zeigt sich allein schon daran, dass es für unseren abendländischen Begriff von „Zeit“ im Hebräischen gar kein entsprechendes Wort gibt.

Das einzige Wort dafür erscheint immer im Zusammenhang und in der Bedeutung von „Zeitpunkt“ oder „Zeitabschnitt“. Ein Beispiel für dieses Zeitverständnis ist das 2. Chronikbuch: Dort sind die beiden parallel verlaufenden Regierungszeiten der Könige von Juda und Israel zwar nebeneinander und abwechselnd festgehalten; interessanterweise jedoch haben die Chronisten gerade das nicht gemacht, was wir erwarten und auch tun würden - nämlich beide chronologischen Reihen zusammenzuführen, um sie auf einen Zeitstrahl hin zu synchronisieren. Denn unsere Vorstellung von Zeit und Geschichte ist linear: Die Zeit gleicht einer unendlich langen Strecke, auf der man alle Ereignisse, die Vergangenen und die Zukünftigen - soweit diese sicher feststehen - eintragen kann. Diese Zeitstrecke oder dieser Zahlenstrahl hat eine Mitte: Das ist unsere Gegenwart; von ihr aus erstreckt sich rückwärts die Vergangenheit und vorwärts die Zukunft.

Im hebräischen Denken ist das jedoch ganz anders: Und so gibt es im 2. Chronikbuch die „Zeit der Könige in Juda“ und die „Zeit der Könige in Israel“ – und eben gerade keine absolute Zeit für alles. Denn „Zeit“ im hebräischen Denken ist immer „gefüllte“ Zeit, gefüllt nämlich mit einem bestimmten Geschehen, mit konkreten Menschen und Ereignissen. So wie es auch im Buch des Predigers ganz besonders deutlich wird:  

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; Pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; (…) weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.(…) suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.“ (Prediger 3)

Dieses Verständnis von Zeit als Zusammenspiel von verschiedenen „Zeiten“ liegt auch Psalm 31 zugrunde, der wörtlich zu übersetzen ist mit: Meine Zeiten stehen in deinen Händen“. Denn das Leben setzt sich zusammen aus vielen Zeiten – Zeiten, die gefüllt sind mit: Geboren werden, sterben, pflanzen, ausreißen, weinen, lachen, tanzen, klagen, suchen verlieren, zerreißen, nähen, schweigen, reden, lieben, hassen, Streit und Frieden. All diese Zeiten gehören zu einem großen Ganzen, einem Rhythmus, auf den uns schon der Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel weist: Dort wird dem Chaos der Urzeit mit den Schöpfungstagen eine ordnende Zeitstruktur gegenübergestellt - auf dem Grundprinzip des Rhythmus von Arbeit und Ruhe: „Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.“ (1. Mose 2,2-3).

Dieser Grundrhythmus der Zeit, in der Bewegung zwischen Arbeit und Ruhe, lässt die Zeit als Atem der Welt wahrnehmen, im Wechsel von Ein- und Ausatmen - Arbeit und Ruhe, Bewegung und Stille. So, wie Gott „Adam“, dem Erdwesen, den Odem in die Nase haucht und ihn dies zu einem beseelten Wesen - einem Menschen macht, so „beseelt“ Gott diese Welt mit der ordnenden Kraft der Zeit, die nicht umsonst zu den ersten Schöpfungswerken gehört.

Der Mensch im Alten Testament begreift seine Zeit deshalb als von Gott geschenkte Zeit, und so kann der Beter des 31. Psalms beten: „Alle Zeiten meines Lebens sind in deiner Hand“. 

 
2. Hast und Eile, Zeitnot und Betrieb

nehmen mich gefangen, jagen mich.

Herr, ich rufe: Komm und mach mich frei!

Führe du mich Schritt für Schritt.


3. Es gibt Tage, die bleiben ohne Sinn.

Hilflos seh ich, wie die Zeit verrinnt.

Stunden, Tage, Jahre gehen hin,

und ich frag, wo sie geblieben sind.

In dieser Weise vermögen die Worte des 31. Psalms mit ihrem Verständnis von Zeit eine Perspektive von Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung auf das in wenigen Stunden anbrechende Jahr 2021 zu eröffnen.
Und das alttestamentliche Verständnis von Zeit als „von Gott geschenkter“ Zeit kann uns gelassener werden lassen, gerade auch im eigenen Umgang mit der Zeit:
Wir müssen sie weder bis zum Letzten ausschöpfen, noch sie krampfhaft festzuhalten versuchen. Sondern wir können mit ihr so umgehen lernen, wie Gott es uns vormacht: Wir können sie schenken – uns selbst, anderen und: Gott.
So gesehen kann der Tagesspruch für den letzten Tag im alten Jahr zum bestmöglichen „Vor-Satz“ für das neue Jahr werden: „Alle meine Zeiten stehen in deiner Hand.“

Ihre