Evangelium als packendes Theaterstück

Hans-Michael Greiß. Eine der populärsten biblischen Geschichten, in historisierenden Kostümen von Laienschauspielern auf die Bühne gebracht, gewann für die zahlreichen Besucher in der Grundschulturnhalle eine beklemmende Aktualität.

Eine Arbeitsgruppe der evangelischen Kirchengemeinde Horb will mit „Ago“ (Anderer Gottesdienst) den Glauben auf überraschende und kreative Weise vermitteln. Einen idealen Ausdruck dafür fand Jutta Graf in dem Theaterstück „Nicht einen Sohn habe ich“, und lud die Theaterprojektgruppe der Evangelischen Gesamtkrichengemeinde Wart/Ebershardt und JMS Altensteig zu der Aufführung nach Horb ein.

Walter Burgbacher war mit dem Zustrom der Besucher äußerst zufrieden und warb um angemessene Spenden, da die Kirchengemeinde bei freiem Eintritt geladen hatte, die Hallenmiete und technische Ausstattung jedoch beträchtliche Kosten darstellten. Regisseurin und Organisatorin Angelika Müller führte in das Stück ein, das auf einem Buch von Kenneth E. Bailey beruht. Der amerikanische Theologe und Sprachwissenschaftler verbrachte 40 Jahre im Mittleren Osten, wo er mit seinen Bibelkenntnissen die heutigen Sitten des Orients analysierte. In seinem Theaterstück machte er die im Gleichnis geschilderten Personen zu lebendigen Menschen und damit einen 2000 Jahre alten Text zum aktuellen Geschehen. Was sonst im Gottesdienst als Evangelium in zwei Minuten vorbeirauscht, geriet zur zweistündigen packenden Handlung.

Obed, der jüngere Sohn (Fabrizion Saponaro), will frei sein, modern könnte man seinen Wunsch als fremdfinanzierten Selbstfindungstrip bezeichnen. Auf den Tod des Vaters zu warten, dauert ihm zu lange, sofort soll der Vater den gesamten Erbteil rausrücken. Das klang wie der Schlager „Ich will alles, und zwar sofort“. Doch damit verstößt der Sohn gegen ein überliefertes Tabu, wie die Schauspieler später in persönlichen Gesprächen mit ihrem Hintergrundwissen aus Baileys Darstellungen aufklärten. Die Hausverwalterin Shaluk, glänzend gespielt von Margret Ross, versucht, ihn in verzweifeltem Bemühen zur Vernunft zu bringen, und hat völlig andere Vorstellungen von Freiheit, die ihr bedeutet, „andere zu lieben und geliebt zu werden, frei zu sein von Hass und frei zu sein zum Dienen“.

Beim Frühstück kommt es zum Eklat. Adam, der ältere Bruder (Frank Küstermann), hat sein Verhalten ganz auf Funktionieren und Einpassen in die Ordnung der Gemeinschaft verinnerlicht. Als er auf „den Faulenzer“ einprügeln will, reißt ihm der Vater Abu-Adam (Helmut Müller in eindringlicher Intensität) den Stock aus der Hand und zerbricht ihn. Allein aus grenzenloser Liebe um das Wohl seiner beiden Söhne bedacht, erfüllt Abu-Adam den rebellischen Wunsch seines Jüngsten, der mit einem Schlag das Familienvermögen um ein Drittel vermindert und den Status der Familiensippe in der dörflichen Gemeinschaft in Verruf bringt. Das Brot, Symbol des gerechten Teilens, bleibt ungebrochen.

© Hans-Michael Greiß

© Hans-Michael Greiß

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Ganz unten landet Obed in einem fremden verwüsteten Land als Helfer eines Schweinehirten (Barnabas Balla), der seiner Tochter Athena (Michelle Stingel) in dieser alternativlosen Situation versichert: „Wir schaffen das“. In diesen prekären Arbeitsverhältnissen, von denen sie nicht leben können, bleiben den Hirten nur die Schlachtabfälle zur Nahrung, doch genau diese sind Obed, dem Juden, als unrein verboten. Langsam kommt er zur Einsicht, dass er, wie heute Spekulanten, in grenzenloser Gier alles verloren habe, doch er fürchtet sich vor der Ablehnung seiner Dorfbewohner bei einer Heimkehr. Auch in Horb haben manche Mitbürger Gerüchte und Intrigen erfahren, um einzuschätzen, welch bedrohliche Gefahr in solchem Dorftratsch lauert. Doch Athena bereitet ihn einfühlsam auf eine Vergebungsgeste im Kniefall vor dem Vater vor.

© Karl-Heinz Kuball

© Karl-Heinz Kuball

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In der Pause bot sich Gelegenheit, die bewegenden Eindrücke in Gesprächen zu verarbeiten. Pfarrerin Susanne Veith verriet, reichlich Inspirationen erfahren zu haben.

Allen Konventionen zum Trotz war der barmherzige Vater dem Heimkehrenden entgegen gelaufen, obwohl erwachsene Orientale nur würdig schreiten. Sich selbst demütigend erhöht er den verfemten Sohn, schützt ihn vor Spott, Verachtung und Ausschluss. Mit Gewand und Ring findet Obed Aufnahme in seinen angesehenen Stand, die Gesichtswahrung, die im Orient auch heute noch so viel bedeutet. Nun liegt das Brot bereit, gebrochen zu werden.

© Karl-Heinz Kuball

© Karl-Heinz Kuball

In der Schlussszene dokumentiert der Vater die Rehabilitation seines Sohnes vor der Öffentlichkeit. Als Ehrengäste sind der Bürgermeister (Ralf Wlasny) als Wahrer der öffentlichen Ordnung und Priester Abuna (Jean Marcus) zum Bankett geladen. Shaluk stimmt ein Lied zur Ehre der Gäste und aus Freude über den wiedergefundenen Sohn an. Doch Adam vermiest diese Freude. Hartherzig verweigert er, an der Feier teilzunehmen und demütigt seinen Vater auf seine Weise der vermeintlichen Rechtschaffenheit und verharrt in Pflichterfüllung. Weder Shaluk noch der Vater können ihn umstimmen. Resignierend sinniert der Vater: „Wie verhalten wir uns ihm gegenüber?“, was Priester Abuna erweitert „Wie verhalten wir uns allen gegenüber?“

 

Jutta Graf dankte den Schauspielern, die „mit ganz viel Herzblut“ so eindringlich zum Nachdenken anregten. Doch nicht allein den acht Darstellern gebührt höchste Anerkennung. Genau so viele Akteure machten das Schauspiel zum Erlebnis, die „Wolkenschieber“, die still die Requisiten bewegten, Souffleuse Claudia Küstermann und eine ganz hervorragende Technik und Beleuchtung, mit der Thomas Oehlschläger und André Feichter alle Besucher optisch und akustisch in das Geschehen hineinzogen. Zu Probenbeginn hatte Regisseurin Angelika Müller ihr Team mit einer professionellen Sprecherziehung geschult.  Ganz im Gegenteil zu seiner gezeigten Hartherzigkeit hatte Frank Küstermann in seinem Familienbetrieb ein aufwändiges, mit Kalligraphien geziertes Programmheft erstellt, das über den Besuch hinaus ein  würdiges Andenken an einen außergewöhnlichen Kulturgenuss bietet.